Flucht in die Sucht
Quelle: NEUE von Miriam Jaeneke
Wenn man mir etwas nicht zutraut, wie soll ich dann das nötige Selbstvertrauen für einen mündigen Umgang entwickeln?“ Diese rhetorische Frage stellt der Leiter der Supro, der Stelle für Gesundheitsförderung und Prävention, Andreas Prenn. Er vergleicht das Erlernen eines verantwortungsbewussten Umgangs mit Suchtmitteln mit dem Schwimmenlernen.
„Der sinnvollste Weg ist nicht der wie etwa in Skandinavien, wo man versucht, insbesondere Jugendliche mit restriktiven Maßnahmen vom Alkoholkonsum abzuhalten. Es geht vielmehr darum, sie beim Erlernen eines vernünftigen Konsummusters zu begleiten. Wenn Sie in einem Land voller Seen und Flüsse sind, werden Sie Ihren Kindern auch nicht sagen: ,Bleibt weg vom Wasser‘, sondern Sie werden ihnen das Schwimmen beibringen.“
Dabei könne es durchaus sein, dass das Kind etwas Wasser schluckt. Übertragen hieße das, Jugendliche können durchaus mal über die Maßen getrunken haben. Solange sie daraus lernen, wie wichtig Maßhalten ist. Ähnliches gilt für andere Suchtmittel und Verhaltenssüchte wie Computerspielen und die Nutzung von digitalen Medien. „Wir haben gerade erst einen Anruf bekommen. Da ging es um ein Kindergartenkind, das nicht mehr vom Handy wegzubekommen ist.“
Stark steigende Suchtproblematik.
Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Homeoffice in Lockdown-Zeiten bringen es mit sich, dass vielen Menschen die gewohnte Tagesstruktur verloren geht. „In Summe wird derzeit zwar weniger Alkohol konsumiert, weil die Gastronomie zu hat und Feiern wegfallen. Aber dafür wird mehr zu Hause getrunken. Psychische Erkrankungen und Suchtproblematiken sind derzeit stark im Steigen“, beschreibt Prenn.
Prävention bedeutet, die sogenannten „Lebenskompetenzen“ zu stärken: Probleme lösen zu lernen, mit Konflikten sowie mit Stress und Langeweile gut umzugehen, Fähigkeiten in Bezug auf Kommunikation und Selbstbehauptung und vor allem auch Empathiefähigkeit erlernen. „Das geht nur im Austausch mit realen Personen, nicht digital und nicht mit Homeschooling“, erklärt Prenn. Tatsächlich sei es für Kinder und Jugendliche derzeit eine sehr schwierige Lage. „Wenn Kinder zwei bis drei Monate ohne eine klare Struktur gewesen sind, fällt es ihnen extrem schwer, wieder hineinzufinden. Kinder wollen in die Schule, vor allem wegen ihren Freunden. Die vermissen sie sehr.“
Kinder dürfen weder Oma und Opa noch ihre Freunde sehen, nicht mehr in die Schule gehen. Ihre gewohnten Freizeitbeschäftigungen wie Sport, Musik, Vereine, Jugendrotkreuz fallen fast gänzlich weg.
Alkohol, um zu vergessen. „Meine Buben sind 12, 14 und 16. Jugendliche in diesem Alter sollten Freundschaften pflegen, sich über ihre Laufbahn klar werden, Kontakte zum anderen Geschlecht aufnehmen. Das alles ist derzeit nahezu unmöglich. Nicht einmal das Schnuppern in Betrieben ist wirklich machbar.“
Mangelnder Platz und Rückzugsmöglichkeiten, das Zuhause als Arbeitsort für Kinder wie Erwachsene, die Eltern in einer Doppelrolle auch als Lehrer: Oft liegen in Familien die Nerven derzeit blank. Da kann zum Beispiel Alkohol als Mittel eingesetzt werden, um Probleme zu vergessen und Konflikte zu verdrängen. In den Beratungsgesprächen, die derzeit am Bildschirm oder Telefonhörer stattfinden, hört Prenn heraus, dass Eltern „bis zur Erschöpfung“ belastet sind. Er ist froh, wenn er und sein Team in dieser Situation helfen können.
„Nachdem uns sehr viele Vorarlberger kennen und schätzen, werden wir derzeit als Stelle für Gesundheitsförderung und Prävention von vielen Menschen kontaktiert, die eher Hemmungen hätten, eine Suchtberatungsstelle anzurufen. Unser telefonisches Beratungsangebot ist kostenlos und anonym und hilft, Situationen rund um den Konsum von Suchtmitteln und problematischen Verhaltensweisen besser einzuschätzen.“
Im Augenblick seien der Konsum von Alkohol, Cannabis, Beruhigungsmitteln beziehungsweise von „Snus“, wie Tabakbeutel genannt werden, die man unter die Oberlippe schiebt, am häufigsten Anlass zur Sorge. „Wenn nötig, vermitteln wir an das in Vorarlberg vorhandene Beratungs- und Hilfsangebot.“
Derzeit besteht ein deutlich höherer Beratungsbedarf: Alleine beim telefonischen Beratungsangebot und bei der Krisenintervention der Supro ist laut Leiter Prenn eine über 50-prozentige Steigerung zu verzeichnen.